Onkel Ernst

Familie L. hatten fünf Kinder und wohnten, wie wir, in der Plattensiedlung.
Der Vater war der Verwalter der Siedlung. Er zog die Miete ein und schimpfte fürchterlich, wenn wir Jungs auf dem Pappdach unseres Plattenhauses spielten.
Wolfgang, Dieter, Ingrid, Elke und Almuth hießen die fünf Kinder.
Herrliche Spiele haben wir zusammen im Wald, auf der Heide, der „Festung“ und hinten im Schuppen bei unseren FreundenInnen gemacht. Völkerball, Schlagball, Verstecken, Indianer mit selbstgemachten Tomahawks, neuartige Teesorten, z. B. Birkenblättertee haben wir erfunden und eine Lederpuppe gekocht. Sie wurde aber nicht sauber. Sie war zu einer Schwarte verkocht.
Im Winter trafen wir uns vor dem Schulweg schon bei Luekens in der Küche. Die Herdringe glühten. Wir brachten unsere drei Frühstück-Brotschnitten mit.
Frau Lueken hat sie dann auf dem Herd geröstet und mit Zucker bestreut. Dazu gab es dann eine Tasse heißen Muckefuck.
Still und in sich gekehrt saß Onkel Ernst immer mit am Tisch. Er hatte ein braunes, faltiges Altmännergesicht. Nie habe ich ein lautes Wort von ihm gehört.
Wir kamen nicht dahinter, ob er nun verwandt war mit den Luekens, oder wie er zu dieser Familie gekommen war. Er war arbeitslos, wie fast alle Männer in dieser Zeit.
Gern erinnere ich mich an seinen festen, trockenen Händedruck mit seiner breiten, rauhen Hand.
Onkel Ernst nahm sich immer Zeit für uns. Er konnte alles.
Löcher in unsere Holzbeile bohren, Schlitten reparieren, obwohl es kein Material gab, und Pfeilspitzen aus Knochen anfertigen, Schlingen aus Telefondraht von den Tommys knoten, mit denen er tatsächlich, verbotener Weise, Karnickel fing.
Er hat auch zu Weihnachten unser Stallkaninchen geschlachtet.
Beim Zusehen, als er dem armen Tier buchstäblich das Fell über die Ohren zog, wurde mir übel.
Viel später, es waren schon wieder „normale“ Zeiten, und die Familie Lueken war längst aus Geesthacht verzogen, Wolfgang schon Doktor der Naturwissenschaften, und Dieter Diakon, habe ich Onkel Ernst wieder gesehen.
Er arbeitete in einer Straßenbaukolonne als Hilfsarbeiter. Er war nicht älter geworden, nur gebückter und noch bedächtiger in seinen Bewegungen.
Seine Fähigkeiten, in Notzeiten mit Unzulänglichem fertig zu werden, aus dem Nichts etwas zu basteln, seine Bescheidenheit, mit Allzuwenigem auszukommen, in einer Großfamilie still am Ende des Tisches zu sitzen und seine Suppe zu löffeln…
Tugenden und Bilder, die gut zu ihm paßten, aber nicht mehr in unsere damalige Hochkonjunktur.

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About meinkerbholz

ein oller Rentner, der sich darüber freut, wenn sein Geschreibe hier gelesen wird.
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