Blutspende

Im Deh-Er-Ka-Heim, hinter der Pestalozzi Schule.
Freitags, gleich nach Feierabend.
Alles ist auf einmal sehr wichtig. Ganz besonders die Rotkreuz-Helferinnen. Weiß und steif gestärkt die Uniform, mit dicker Brosche ganz oben. Schön anstehen, bis zur Schreibmaschine.
Geburtsname? Geburtsort? Hausarzt?
… Stuhl für Stuhl aufrücken, bis zur Tür, hinter der der untersuchende Arzt sitzt. Karteikarte durchlesen. Hanns wieder nur mit einem „n“. Was soll’s.
Der nächste bitte! Blutdruck 120. Er hat nichts dagegen. Stereotype Fragen und Antworten. Und die Tippse vorhin konnte nicht rechnen. Es muß 32. Spende heißen, ist nämlich wichtig für den Orden.
Dann wieder anstehen und Sprüche hören. Die Spender, meist wohlgenährt und kraftstrotzend, tragen, für alle gut sichtbar, einen blutvollen Heiligenschein keck und etwas nach hinten gewinkelt, auf ihren Häuptern.
Was sind wir nur für gute Menschen, geben wir doch, noch dazu ohne Bezahlung, unser kostbares Blut.
Und mir ist so, als hörte ich als Hintergrund Musik, Mozarts Ave verum oder das Große Halleluja vom Ollen Händel.

Der Lütjenseer-Blutspende-Team-Sani klebt geschickt und flink lauter kleine, selbstklebende Etiketten auf Reagenzgläser, Karteikarten und Plastikkonservenbeutel. Sind sie links oder rechts? …kann man auch wieder lange Sprüche hören, warum rechts und weshalb es links beim letzten Mal nicht lief.Endlich eine Liege frei. „Machen sie bitte eine Faust!“ …Vereisen… mit eleganten Schwüngen die Spraydose hoch und runter. Pieks… und tief Luft holen.Wer hat eigentlich einmal befohlen, daß Blut rot zu sein hat? Was da in den Plastiksack tropft ist braun. Ich gebe zu, rötlich-braun, doch von „rot“ weit entfernt.Der Raum mit den acht Liegen ist klein und niedrig. Die Luft ist stickig. An der Decke ein großer Fleck. Wenn nicht gerade gespendet wird, leckt es hier durch.
Die Spenderinnen sind dicklich und haben immer eine Wolldecke über den Knien. Die Spender sind tapfer und betont männlich.
Allen gemeinsam ist der ergebene Blick wiederkäuender Rindviecher auf der Kuhweide.
Dieses mal verarztet uns „Bruder Hans“, was auf einem Schildchen am Revers, sinnigerweise in weißer Schrift auf rotem Grund, zu lesen ist.
Er blickt mit erstaunten, blauen Augen in die Welt der ergebenen Spender. Das Abstöpseln geht ihm so flink von der Hand, wie die kernigen Sprüche von den Lippen.
Mit schnellen Krickeln und Tafelkreide wird die Ruhezeit auf die Schuhsohlen geschrieben.
59 steht bei mir drauf. Also, noch 10 Minuten die Lochplatten an der Decke zählen.
Freundliches Grinsen, wenn ein Blutopfer den Raum betritt, das man irgendwoher kennt. Und dann hat das kleine Rot-Kreuz-Mädel seinen großen Auftritt: „Würden Sie bitte ‘nen Finger drauf halten? So alles klar. Geht’s?“
Vor dem Kaffee und den belegten Brötchen drücke ich mich. Sitzt doch meistens ein feister, dümmlicher Angeber breitbeinig vor seinem zweiten Teller mit Mettbrot, Weintrauben und Eiachteln und fordert die vierte Tasse Kaffee, denn er hat ja schließlich gespendet.
Auf der Fahrt nach Hause fühle ich noch einmal genau hin. Ne, ich spüre wirklich nichts, außer Stolz: „Hast mal wieder was getan für die Nadel mit der „40“.

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About meinkerbholz

ein oller Rentner, der sich darüber freut, wenn sein Geschreibe hier gelesen wird.
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