„Übern Berg zu 57“


Ich war schon in der Lehre, Ingrid ging noch zur Haushaltungsschule. So oft wie möglich trafen wir uns. Zu Hause sagte ich dann: „Ich geh‘ übern Berg zu 57.“
57 war ja eigentlich die Hausnummer von den Schankin’s Am Hang. So brauchte ich doch nicht „Ingrid“ zu sagen oder „Freundin.“ Hatte ich doch Angst, das man an der Art, wie ich ihren Namen aussprach, erkennen könnte, wie sehr ich mit meinem Herzen beteiligt war.
Mit anklopfen und fragen: „Ist Ingrid da?“ war noch nichts.
Wir hatten unseren Pfiff: „…und das Wasser war viehiel zuhu tief“ aus dem Volkslied: Es waren zwei Königskinder.
Ich spüre noch heute das Herzklopfen und das Atemanhalten, bis die grüne Tür aufging.
Sie kam, ich glaube, immer. Wir machten weite Spaziergänge, über den Berg in den Wald, führten lange Gespräche, und immer Händchen haltend
Und immer mit Herzklopfen.
Jetzt, heute, sofort, oder doch erst nachher auf der grünen Bank am Haus Am Hang 57 werde ich ihr den ersten Kuß geben! Und dann wieder nicht… aber morgen, morgen ganz bestimmt!
Was haben wir uns nur alles erzählt an diesen Sommerabenden auf der, von Opa selbst gezimmerten Bank?
Ich weiß es nicht mehr. Aber das Nachhauselaufen über den Berg durch die dunkle Heide, hat sich mir tief eingeprägt.
Je höher ich den Berg hinauf kam, desto wärmer wurde die Luft.
Dann durch das Tal bei Koepke, empfindlich kühl war es auf einmal.
In meiner Brust flatterten Schmetterlinge und ganz fest nahm ich mir (jedesmal wieder) vor:
„Morgen nehme ich einfach ihren Kopf in beide Hände und küsse sie!“

Advertisements

About meinkerbholz

ein oller Rentner, der sich darüber freut, wenn sein Geschreibe hier gelesen wird.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Responses to „Übern Berg zu 57“

  1. röde-orm sagt:

    Lieber Hannsel, Dein Blog ist ein kleiner Schatz. Deine Erinnerungen an Deine Kindheit rühren mich sehr an, denn sie sind – trotz mancher Unterschiede – sehr ähnlich jenen, die mir meine Mutter berichtete. Ich glaube herauszulesen, dass Du trotz aller Nöte in jener Zeit und den arg kalten Winterzeiten doch etwas hattest, was Dir wenigstens innere Wärme gab – Deine Familie. Und Deine Kindheit ist wohl auch deshalb schön gewesen. Das ich Dir speziell unter diese Geschichte einen Kommentar schreibe, hat einen besonderen Grund. Deine Frau und Du – Ihr habt Eurer Tochter den schönen Namen Mareile gegeben – und so heißt auch meine Frau. So selten wie der Name ist, habe ich herzlich schmunzeln müssen.
    Ich würde mich freuen, hier öfter mal etwas neues von Dir lesen zu können – also nicht Slut – wie Du bedauerlicherweise geschrieben hast. Die herzlichsten Grüße aus Berlin! Kai (röde-orm)

  2. Astrid Weiss sagt:

    Ein wunderschöner Text und das Bild dazu….herzerwärmend!
    Liebe Grüße
    Astrid

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s